Life

Unterwegs in der Haute-Savoie

Die hohe Kunst der Spitzkehrentechnik

Es ist früh, richtig früh — ich glaube so gegen 5 Uhr morgens. Um uns herum nichts als zerklüftete Berggipfel und eine Herde frierender Milchkühe. Die Landwirte und ihre Hirtenhunde beobachten uns argwöhnisch, während wir unsere Bikes abladen. Es ist immer etwas Besonderes, so früh zu starten - damit ist es keine Frage, ob wir noch vor Sonnenaufgang dorthin kommen, wo es richtig schön ist.

Ich bin offensichtlich wieder der, der zuletzt fertig wird. In jeder Gruppe gibt es so einen und normalerweise bin ich es. Auch heute Morgen ist es wieder so. Und egal wie sehr ich mich abmühe, alles verpackt und verstaut zu bekommen, schaffe ich es nicht, mit Kenny und Casey gleichzeitig fertig zu werden.

Als ich dann endlich bereit bin, steige ich aufs Bike und schaue mich nach den beiden anderen um.

Halt mal! Echt? Ist das eine übergroße Pflaume vor mir? Eine Pflaume mit Beinen? Ich weiß, dass ich gesagt habe, dass es früh ist, aber nachdem ich meine morgendliche Dosis Koffein schon hatte, kann es definitiv keine Halluzination sein. Was ist es dann? Kenny ist von oben bis unten in Kastanienbraun gekleidet. Ich kann’s nicht glauben und lache los. Kenny ist einer der nettesten Menschen, die es gibt, aber heute sieht er einfach schräg aus.

Wir fahren los und auf den ersten 300 Metern lachen wir alle herzlich darüber, wie Kenny es geschafft hat, beim Packen im Dunkeln farblich so zielsicher ein Farbe zu erwischen. Unser Gelächter verstummt allerdings, als wir den Einstieg zum Trail erreichen und uns klar wird, dass unsere Route vom Talboden scheinbar geradewegs zum Himmel ansteigt. Da wollen wir hinauf – ganz weit dort hinauf. Unser Guide Ash zeigt auf die höchste Felswand weit und breit und sagt, “Da ist unser Ziel.”

Seit fast zwei Stunden steigen wir mit unseren Bikes auf dem Rücken den steilen Bergpfad hinauf. Von den Kuhglocken unten im Tal ist nichts mehr zu hören. Weil mein Bike die ganze Zeit auf die gleichen Stellen drückt, beginnen meine Schultern zu schmerzen. 

“Wohin jetzt?” fragt Kenny, als sich sich der Pfad vor uns teilt. Ich sage: “Kühe sind doch die faulsten Tiere auf der Erde, also sollten wir ihren Trittspuren folgen.” Ich habe keine Ahnung ob diese Logik auch nur ansatzweise stimmt, aber Kenny nickt nur und gibt sich offenbar damit zufrieden. Wir könnten natürlich auch auf unseren Guide Ash warten, aber wir sind so weit voraus und ich bin komplett verschwitzt – keine einzige trockene Faser mehr am Körper. Auch Kenny sieht wie ein nasser Lappen aus – einer den man benutzt hat, um eine verschüttete Flasche Rotwein aufzuwischen.

Die Kuhpfad-Entscheidung entpuppt sich als maximal steiler Pfad, aber sie bringt uns unserem Ziel mit jedem Schritt näher. Dann fängt Kenny an zu rufen: “Wir schaffen es! Wir schaffen es wirklich!”. Er benimmt sich total kindisch und ich lache ohne echten Grund darüber. Mit dem Rad auf den Schultern, muss ich mich bewusst gegen die Schwerkraft stemmen, um vor lauter Lachen nicht rücklings den Hang hinunter zu kullern. Kenny kann nicht aufhören zu rufen “Wir schaffen es wirklich!” und ich kann mein Lachen nicht länger zurückhalten.

Letztlich gewinne ich meine Fassung zurück und steige die letzten Spitzkehren hinauf. Als ich bei Kenny ankomme, sitzt er schon da und genießt die atemberaubende Aussicht – eine ziemlich vernünftige Entscheidung, wenn man bedenkt, dass er gerade noch so kindisch war. Ich ziehe meinen Windbreaker über, krame ein Baguette mit Käse aus dem Rucksack und wir spielen Wow, schau dir nur diese Landschaft an – eine Erwachsenen-Variante von “Ich sehe was, was du nicht siehst.”

Als Casey auch hier oben ankommt, erzählt sie uns von einem Hirtenhund, der ihr Gesellschaft geleistet hat. Sie berichtet, wie glücklich es sie gemacht hat, sich Zeit mit dem Hund zu lassen und sich mit ihm zu „unterhalten“ und wie der Hund sie die ganze Zeit begleitet hat, bis fast hier rauf. Dabei deutet sie auf eine Stelle nur wenige Kehren unter uns  – und wirklich – dort steht er und passt auf, dass unsere “Herde” auch sicher am Gipfel ankommt. Insgesamt war das ein Anstieg von immerhin 1.000 Höhenmetern und wir haben immer noch etwas Zeit bevor die Sonne aufsteigt. Wir sitzen nur da und genießen den Ausblick. Weit über allem. Wir können sogar von oben zuschauen, wie die Flugzeuge auf dem alpinen Flughafen von Courchevel landen. 

Während der kommenden fünf Stunden bahnen wir uns den Weg entlang des Bergkamms - mal fahrend, mal schiebend. Der Trail, dem wir folgen, führt uns nach Planay, einem Ort im Nachbartal. Immer wieder gibt es angespannte Momente, während wir unsere Bikes um die kantigen Felsen am Wegrand zirkeln, oder an den zahlreichen Dolinen entlangfahren, die aussehen als würden sie bis zum Mittelpunkt der Erde reichen. Allmählich passen wir unseren Fahrstil dem unseres französischen Guides an, suchen eine fahrbare Linie und erlernen die hohe Fahrkunst der Spitzkehrentechnik – eine Kehre nach der anderen und so lernen wir was es heißt hier in den französischen Alpen zu biken.

Wir pausieren und betrachten das Geschehen. Jede Spitzkehre wird von Flüchen und Zwischenrufen begleitet. Die Balance wahren. Die vordere Bremse genau richtig dosieren. Das Hinterrad anheben. Der Stoppie. Die Drehung. Und dann das Erfolgsgefühl, wenn alles gut gegangen ist... oder eben dieser Zeitlupen-Horror, wenn man im Steilgelände unfreiwillig über den Lenker absteigt. Das macht Laune - einfach großartig! Wir lernen auf die harte Tour, wie man Spitzkehren sauber fährt. Zu dem Zeitpunkt hat sich der Ride zu einer regelrechten Spitzkehren-Challenge entwickelt. Wir genießen jeden Moment und jedes Erfolgserlebnis.

Soviel als Einblick in unseren frühmorgendlichen Trip hinauf zum Col de Mey – einem hochalpinen Bergkamm, der nur eine kurze Zeit im Jahr schneefrei und damit per Bike befahrbar ist. In unserem Fall war es ein sonniger Tag Mitte-September mit wenig Wind. Nachdem wir es hinunter nach Pralognan-la-Vanoise geschafft hatten, gönnen wir uns ein Mittagessen im Café des Ortes mit dem Namen Le Pré du Coin. Dort, im Schatten des Col de Mey können wir unbeschwert zurückblicken und dort hinaufzeigen, wo wir nur kurz vorher gewesen waren. Wir haben es wirklich geschafft!