Life

Auf in die Inyo Mountains!

Loslassen in Cerro Gordo

Text: John Watson, erstveröffentlicht auf theradavist.com

Schon oft waren das Owens Valley, die Mojave-Wüste und das Death Valley Kulisse und Gegenstand von Storys auf the Radavist. Östlich der Sierra Nevada gibt es aber eine weitere Gegend, die es mir besonders angetan hat – wegen der Landschaft und ihrer Geschichte. Die Inyo Mountains sind der Ort für Abenteurer, die die ausgetretenen Pfade des Death-Valley-Nationalparks oder der östlichen Sierra meiden wollen. Es kann dort sehr einsam werden: Die Pisten sind rau und zerfurcht, es gibt weder Handy-Empfang noch Verpflegung. Wer es aber dorthin schafft, dem bieten sich unübertroffene Ausblicke auf die östliche Sierra und geologische Phänomene in einem irren Farbenreichtum.

Ich habe viel Zeit damit verbracht, die Region nach radreisetauglichen Routen zu durchforsten und muss ehrlich sein: Viel Erfolg hatte ich damit nicht. Viele Pisten sind derart steil, dass selbst taugliche Allradfahrzeuge überhitzen; andere sind kilometerweite Steinfelder, wieder andere echte Sandfallen. Und dann ist da noch die absolute Abwesenheit von Wasser. Wer hier radfahren will, muss gut vorbereitet sein, physisch und psychisch. Diese Gegend hat die Urvölker ebenso gefordert wie später die Goldschürfer. Bevor wir also zu unserer Geschichte kommen, muss noch eine viel größere erzählt werden. Eine Geschichte, die uns vom Radavist sehr nahe geht.

Die große Suche nach Wasser

Die riesige, ausufernde Metropole Los Angeles gäbe es heute so nicht ohne das Owens Valley. Wasser ist ein Lebensbringer in vielerlei Art. Schon immer wurden Kulturen entlang von Flüssen gegründet, denn sie stellen den Zugang zu Wasser und Nahrung sicher. Los Angeles liegt in der Hochwüste Südkaliforniens. In dem mediterranen Klima könnten ein paar Flüsschen niemals alle Einwohner LAs versorgen. Darum machte sich William Mulholland, ein irischer Einwanderer und autodidaktischer Wasserbauingenieur, auf, die stets wachsende Bevölkerung der Stadt zum Wassersparen zu erziehen. Trotzdem hat nach kurzer Zeit die Stadt ihren einzigen Fluss trockengelegt. Auf seiner großen Suche nach Wasser stieß Mulholland auf das Owens Valley, 370 Kilometer entfernt von der Stadt.


Zwischen 1911 und 1923 erstanden Mulholland und sein Amt für Wasser und Energie heimlich 95 Prozent der Rechte am Wasser des Owens River. In der Folge bauten sie ein 375 Kilometer langes Aquädukt, das durch die gesamte Mojave-Wüste bis in die Innenstadt von LA reichte. Doch auch hier war es nur eine Frage der Zeit, bis es den Owens-See, der den Fluss speiste, leer gesaugt hätte. Deshalb sabotierten die Farmer und Viehzüchter des Valley die Wassertrasse unzählige Male – mit Dynamit. Diese Leute waren quasi die ersten Umweltaktivisten. Sie kämpften dafür, das Land vor Mulholland und seinen Schergen zu schützen – der ihnen dafür 1927 den Krieg erklärte und sich das Wasser fortan mit unerbittlicher Gewalt sicherte.

Soweit zur Geschichte des Owens Valley und des Owens-Sees, die auch eine Geschichte der Kolonialisierung des Weiten Westens der USA ist. Wer mehr wissen will, dem sei das Buch „Cadillac Desert“ von Marc Reisner empfohlen.

Payahunnadü

Fährt man auf dem Highway 395 ins Owens Valley, liest man auf einem Straßenschild: „Reimagine Payahuunadü“. Man solle das „Land des fließenden Wassers“ neu erfinden, wie die Gegend in der Sprache ihrer Ureinwohner heißt. Leider fließt da aber kaum noch Wasser und der Owens-See liegt trocken. Sein Grund ist der Sonne und dem Wind derart schutzlos ausgesetzt, dass er die größte einzelne Quelle für Staub in der Luft in den USA ist. Die lokalen Stammesältesten beschreiben, dass das LADWP, die Stadt-Energie und Wasserwerke von LA, die Farbe und das Leben aus dem Tal saugen. Das Payahauunadü ist bis heute die Heimat der Paiute und Schoschonen.

Die Große Schuld der Engelstadt

Als ich 2015 nach LA zog, war mir dieser Teil der Geschichte bewusst. Im Architekturstudium hatte ich „Cadillac Desert“ gelesen. Ich interessierte mich für Stadtentwicklung, die Schriften der großen modernen Architekten und Nachhaltigkeit generell. Aber das alles konnte mich nicht darauf vorbereiten, was mich im Owens Valley, in der Mojave und im Nationalpark Death Valley erwartete. Wenn man genug Zeit in dieser Gegend verbracht hat, lernt man schnell, diese zwei Worte zu vermeiden, wenn man gefragt wird, wo man herkommt: Los Angeles. Für viele Einwohner des Owens Valley ist LA verantwortlich für die Toten, die das Talfieber forderte, für die Sandstürme und die Staubschleuder, die der Owens-See heute ist. Obwohl ich beileibe kein Engelstädter und nicht einmal Kalifornier bin, empfinde ich doch eine erdrückende Schuld, wenn ich in dieser Region mein Freizeitglück suche – nicht nur wegen des Wassers in LA, sondern auch wegen der indigenen Bevölkerung dieses Lands. Natürlich war ich nicht dabei, als all das vor hundert Jahren passierte – aber habe ich nicht meinem Anteil an dieser Riesensauerei, wenn ich heute dort lebe? Ich habe viel darüber nachgedacht, während ich im Zelt lag, im Jeep oder auf dem Rad saß und die Berge und Täler rings ums Owens Valley „genoss“.

Darum ist es wichtig, dass wir als Journalisten und Fotografen unsere Eindrücke nicht ohne diesen nötigen Kontext verbreiten und denen unseren Respekt zollen, deren Zuhause dieses Land einst war.

Die Geschichte von Cerro Gordo

So wie Los Angeles das Wasser aus der dieser Region abzapft, trieb man auch mit den Rohstoffen Raubbau. Von Borax und Salz aus dem Death Valley, das auf den berühmten 20-Esel-Karren in Massen Richtung Stadt ging, bis zum Gold der östlichen Sierra. 1862 fand der Mexikanische Goldgräber Pablo Flores Silber in einer heute als Cerro Gordo (span.: Fetter Hügel) bekannten Mine in den westlichen Ausläufern der Inyo Mountains, 50 Kilometer südöstlich von Independence. Das war nur die erste große Silberader im Owens Valley – und der Start eines riesigen Silberrauschs, der bis 1877 andauern sollte.


Doch eins nach dem anderen. Um überhaupt graben zu können, mussten die Bergleute erst einmal durch den Canyon kommen. Frühere Versuche wurden von den ansässigen Stämmen vereitelt, indem sie etwa fünf mexikanische Schürfer gefangen nahmen, drei von ihnen töteten und die anderen beiden nur gegen den Schwur laufen ließen, dass sie niemals wiederkämen. Doch Schwüre waren weniger wert als Silber. Den ersten Kampf hatten die Ureinwohner gewonnen, aber der Krieg um Cerro Gordo ging erst los. Als 1862 Fort Independence gegründet wurde, schickte die US-Army ihre Truppen zum Cerro Gordo, um die Ureinwohner auszulöschen und so die Ausbeutung des Silbers zu ermöglichen. Ähnlich wie Mulholland und seine Leute das Aquädukt nur mit Waffengewalt halten konnten, sicherte die Armee dieses Gebiet und vertrieb die Indigenen in die Gegend, die heute zum Death-Valley-Nationalpark gehört. Die negativen Folgen und auch Kosten dieser Vertreibung für späterer Generationen kann man gar nicht hoch genug schätzen.

Wie bei so vielen Minen der Gegend, gab es auch für Cerro Gordo nichts zwischen Profit oder Pleite. Als der Silberpreis 1877 drastisch fiel, musste sie schließen. In den Jahren, die sie Gewinn abwarf, transportierte ein konstanter Strom von Eseltreks das Eisenerz von Keeler, der frisch gegründeten Stadt am Fuße des Cerro Gordo, ins 440 Kilometer entfernte LA. Ertrag: 300 Dollar pro Tonne.

Im Jahr 1872 schrieb die Los Angeles News: „Für diese Stadt ist Cerro Gordo unverzichtbar. Alles, was LA heute ist, verdankt es diesem Berg. Sein Silberfaden knüpft unsere heutige Existenz. Sollte ihm ein Unglück widerfahren, wäre das unser sicheres Ende.“ Es sind also das Wasser des Owens River und das Silber des Cerro Gordo, denen Los Angeles heute seine gesamte Existenz verdankt.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde am Cerro Gordo hochreines Zink gefunden, was zu einer Renaissance der Mine führte, die kein Silber mehr trug. Der Abbau lief bis 1938. Seither ist Cerro Gordo quasi eine Geisterstadt mit einer Handvoll Einwohner, die bezahlt werden, um Vandalismus zu verhindern. Einige Gebäude stehen noch heute, von der ehemaligen Union-Mine findet man nur noch Überbleibsel. Bis vor kurzem konnte man ein paar der Häuser für Übernachtungen mieten, darunter das Belshaw House von 1870, die 1904 gebaute Schlafbaracke und das American Hotel von 1871. Jüngst erwarb ein neuer Besitzer den ganzen Ort, um die Geschichte weitestmöglich zu bewahren und Menschen auf der Suche nach Einsamkeit einen Platz zu bieten.

Das, was die meisten Menschen hier suchen und auch finden, ist Ruhe. Wir Städter vergessen heute viel zu oft, wie wichtig Stille für unsere geistige Gesundheit ist. Die Isolation und Ruhe, die mir die Einsamkeit schenkt, setzen meinen Geist zurück und geben mir neue kreative Kraft, um mich wieder auf meine Arbeit konzentrieren zu können. Wir alle treiben in der technologisierten Umwelt einfach mehr oder weniger vor uns dahin, darum ist bewusstes Abschalten so wichtig. In den Inyos hast du keine Wahl: Es gibt kein Netz, keinen Strom, keine Verbindung. Und das ist nur die mentale Seite – die physische Schönheit der Gegend ist einfach überwältigend. Gemeinsam erden sie dich.

Tour-Reportage: Ein Anstieg in den Inyos

Normalerweise zelte ich bei Touren wie dieser irgendwo in der Nähe von Lone Pine. Aber es gibt auch viele Hotels und damit angenehmere Nächte. Denn für Monsterritte wie diesen ist man idealerweise bestens ausgeruht. Das Alabama Hill Café macht für mein Frühstück früh genug auf, dort gibt’s einen Burrito und einen Coffee-to-go für unter zehn Dollar. Ich fahre von Lone Pine nach Keeler und fühle mich wie in einem Westernfilm – was sogar wirklich hinkommt, denn Hollywood hat genau hier seit den Zwanzigern sehr viele Filme gedreht. Pferde rennen über die Weiden, Kitfüchse verschwinden von der Straße in ihre Löcher und über allem kreisen die Rotschwanzbussarde auf der Suche nach ihrer ersten Mahlzeit. Wenn man im verschlafenen Keeler ankommt, biegt man ab in die Cerro Gordo Road, wo ein kleiner Parkplatz das perfekte Basislager bietet. Hier kannst du deinen Kaffee schlürfen und der Sonne dabei zusehen, wie sie ihr Licht über das Tal und die Östliche Sierra und die traurigen Überbleibsel des Owens-Sees gießt.

Der Cerro Gordo ist 2.500 Meter hoch und alles andere als leicht zu erklimmen. Der Anstieg beginnt gleich hinter Keeler auf 1.100 Metern und ohne jedes Aufwärmen geht es direkt steil rauf, auf einer Stichstraße inmitten durch Holozän-Ablagerungen. Sobald man durch die ersten Schluchten kommt, wird einem klar, was einen erwartet. Ich bin immer tief beeindruckt von den Gesteinsformationen neben der Straße – Verwerfungen der Erdkruste, die sich Dutzende Meter über dem Kopf auftürmen. Im selben Maße ehrfurchtgebietend und irreführend! Mit solchen optischen Ablenkungen zu beiden Seiten des Weges braucht es bloß einen Stein oder ein Schlagloch, um dich zurück ins Jetzt zu rütteln. Oder, wie in diesem Falle, Eis.

Darum kommt jetzt mein wichtigster Rat für diesen Trip: Stell dich auf massive Temperaturunterschiede ein! Je nach Jahreszeit kann es im Tal bei Sonnenschein 15 Grad warm sein und oben bei -5 °C schneien. Mutter Naturs Ausbrüche sind gerade hier in den Inyo Mountains legendär und man sollte auf das Schlimmste vorbereitet sein. Regensachen sind absolut ratsam, ebenso eine Rettungsdecke und Bekleidung für krasse Temperaturschwankungen. Ich komme später noch genauer auf die Ausrüstung zu sprechen.

Nach etwa 13 Kilometern erreicht man die Geisterstadt Cerro Gordo. Alles, was einen da erwartet, sind die Strukturen der Wüstenrinde. Es gibt nirgends trinkbares Wasser, man muss also alles dabeihaben, was man braucht. Aber nimm dir etwas Zeit, iss in Ruhe und stöbere durch die alten Gebäude. Dass man das Prinzip „Leave No Trace“ befolgen sollte und auch alle Schilder, versteht sich. Auf der Ostseite des Hangs schlängelt sich die Straße durch Wacholder- und Pinyon-Bäume, um Felsen und durch die Rinnen, die abfließendes Wasser hinterlassen hat, hinab zur White Mountain Talc Road. Sie ist lang und längst nicht so flach, wie sie erscheint. Früher war sie Teil einer Route zu einer Talkum-Mine im Death Valley. Wenn man genau hinsieht, erkennt man im Graben noch immer weiße und rote Klumpen Talkum. Dann erreichst du irgendwann den Nationalpark Death Valley und weißt: Bald ist der Anstieg vorbei.

Wenn man einmal oben ist, geht es wirklich nur noch bergab. 65 Kilometer abwärts, zur Hälfte auf krassen Pisten und die andere Hälfte auf Asphalt zurück zum Auto. Und hier verwandelt sich die Umgebung erneut: Die Nadelhölzer werden zu Joshua-Bäumen, der hier in der Mojave-Wüste vorherrschenden Yucca-Art; sie stehen so weit das Auge reicht. Der Regen verändert die Straßen regelmäßig, aber wenn es trocken war, erwartet dich eine Wahnsinns-Abfahrt bis runter zum Highway 190 und zum Parkplatz. 87 Kilometer und 1.800 Höhenmeter später bist du wieder zurück – und hoffentlich ist es noch hell!

Die Minen am Cerro Gordo sind zwar schon lange geschlossen, aber wir modernen Goldsucher schürfen nach Erinnerungen, Bildern und Storys

Mit diesen Erträgen kann man vielleicht keine Stadt erbauen, wie man das einst mit Silber konnte – aber es müssen auch nicht alle Straßen mit Silber oder Gold gepflastert sein, damit sie sich nach echtem Abenteuer anfühlen.

Ausrüstung

Touren wie diese können zu interessanten Diskussionen führen: Ist das eine Gravel-Tour oder eher MTB? Und natürlich wird die Diskussion spannend, wenn es zur Wahl des richtigen Rades kommt – wie eigentlich immer hier auf the Radavist. Die beschriebene Tour lässt natürlich berechtigte Bedenken aufkommen, vor allem die steilen Anstiege der westlichen Inyo Mountains. Mit einer durchschnittlichen Steigung von 9,3 Prozent und Passagen bis zu 18 Prozent sind wir Normalsterblichen mit einer Rennrad-Kompakt-Übersetzung komplett überfordert. Besonders, wenn man den Gepäckaufwand von Wasser, Bekleidung, Verpflegung, usw. bedenkt. Die Abfahrt von Cerro Gordo ist außerdem ziemlich steinig und ruppig. Ich würde keinen schmaleren Reifen als 45 oder 50 Millimeter empfehlen. Im Grunde scheint ein Mountainbike mehr als passend, mit seiner breiten Übersetzung und großer Reifenfreiheit … Aber dann sind da ja noch die über 30 Kilometer Straße auf dem Rückweg!


Rennlenker-Mountainbikes, manche sagen auch Monstercrosser, sind also genau die die richtigen Räder für diesen Mix. Sie machen unterschiedliche Griff- und Körperpositionen möglich, aber auch fette Reifen und größere Gangbandbreite. Rennradschaltbremsgriffe und Mountainbike-Schaltwerke gingen bisher aber nicht so recht zusammen. Bisher!

Ich habe hier mal ein bisschen mehr über das Rad aufgeschrieben, dass ich mit Moots und Srams neuen AXS-Komponenten aufgebaut habe.

Touren wie diese motivieren mich ungemein, und das ist auch gut so, denn sie benötigen auch eine Menge physischer und psychischer Kraft. Danke fürs Lesen! Das alles wäre nicht möglich gewesen ohne die folgenden Personen:

Dieses Projekt wurde unterstützt von SRAM. Danke an James Adamson von Drop Media für das Filmen, Moots für das geliehene Baxter und Brent Underwood aus Cerro Gordo für seine Unterstützung!