Life

Die Hundert-Pässe-Challenge

100 Hügel in zehn Tagen

Text und Fotos: Jered Gruber

Die Zahlen sind eindrucksvoll, fast schon absurd. Als hätte jemand einen Schreibfehler gemacht, eine Null zu viel oder sogar zwei. Man kennt das. Doch hier ist es anders.

Zehn Tage über jede Straße der westlichen Pyrenäen, so hat es sich angefühlt. 2.000 Kilometer. 50.000 Höhenmeter bergauf. 100 Stunden im Sattel.

Darum geht es bei der Pässe-Challenge. Mit dem zu beginnen, was ich als normal, vielleicht sogar als gesund bezeichnen würde – und alles über den Haufen zu werfen, von vorne zu beginnen und dann die Grenzen des Möglichen zu verschieben.

Die Geschichte

Die Idee der 100-Pässe-Challenge ist Jahrzehnte älter als Strava. Man sollte also besser Herausforderung sagen, statt Challenge, so erdig, so analog ist sie. Die Idee stammt aus den 1970er-Jahren und von einigen wagemutigen Franzosen. Die Regeln folgten dann zwei Jahre später. Um Mitglied im illustren Club des Cent Cols, dem Klub der hundert Pässe zu werden musst du, Achtung, einhundert Pässe erklimmen, mindestens fünf davon höher als 2.000 Meter.

Klingt gut, aber wenig außergewöhnlich. Bis Phil Deeker kam, der die mäandernde Idee in ein Ziel von besessenen, fast spirituellen Dimensionen verwandelte. 2007 stellte er sich selbst eine Herausforderung: 300 französische Pässe in einem Zeitraum von 30 Tagen. Weil Phil einfach Phil ist, schaffte er es in 28. 300 Pässe, 4.500 Kilometer verteilt auf Alpen, Pyrenäen, Cevennen – und 82.000 Höhenmeter bergauf.

Dieser Monat auf dem Rad habe ihn verändert, als Mensch, in seinem Mensch-Sein, wie er später sagte. Dieses Erlebnis wollte er mit anderen teilen, wenn auch in einer etwas weniger übermenschlichen Variante. Phil formulierte ein Zeitlimit und erschuf die zehntägige Jagd nach dem Horizont.

Die Wirklichkeit

Klingt richtig gut, aber in der Wirklichkeit angekommen, tut es verdammt weh. Alles tut irgendwann weh. Das, was ich mir vorher vorgestellt hatte und alles, das ich mir nicht vorstellen konnte: Hände und Handgelenke, Unterarme, Knie, Achillessehnen, die Füße, der untere Rücken, der obere Rücken und ja, der mittlere Rücken, mein Nacken, einfach alles.

Stunde folgt auf Stunde und mit jeder weiteren, die vergeht, legst du wie mit einem Skalpell eine tiefere, besser versteckte Schicht deines alten Selbst frei. Und dann, irgendwann, liegen die Nerven blank, nackt, offen, direkt an der Oberfläche. Ein paar Mal während meiner Cent-Cols-Challenge musste ich einfach weinen. Ich weiß nicht einmal genau warum. Aber sie kamen, diese Momente, wo sich ganz tief innen dieses Schluchzen aufbaute, das den ganzen Körper erbeben lässt. Die Tränen flossen und ich flog dazu bergab. Die geometrische Schönheit endloser Kurven, atemberaubende Ausblicke und dieser seltsame kleine Mensch – ich – die gesamte Abfahrt weinend. Und ich weiß nicht, warum.

Ich kenne mich nicht als weinerlich oder wehleidig. Dass der größte Teil meiner Tränen vieler Jahre in diesen wenigen Tagen geflossen ist, muss irgendetwas bedeuten.

An Tag sieben bricht alles zusammen. Mein Körper macht einfach zu und hinterlässt mich als ein Haufen Übelkeit und Brechreiz. Ich muss nicht kotzen, aber ich kann überhaupt nichts essen. Im Stockfinsteren erreiche ich ein Hostel, kauere mich auf einem Bett zusammen und will einfach nur liegenbleiben. Irgendwie schaffe ich es unter die Dusche und dusche dort, wie ich nur in den schlimmsten Post-Ride-Momenten dusche. Am Boden sitzend, während das Wasser über mich hinwegfließt. Dort sitze ich und bemitleide mich eine Weile, bevor ich alle Energie zusammensammle und ins Bett krieche.

Wie ich dusche, so schlafe ich: voller Schmerzen. Am Morgen erwache ich: leer. Ich zwinge mir ein kleines bisschen Brot hinein, ziehe mich an und steige aufs Rad – mit dem festen Vorsatz, innerhalb der nächsten Stunde aufzugeben und ins Auto zu steigen.

Meine Beine aber haben funktioniert. Obwohl ich nach einem Tag mit 7000 Kilokalorien Energieverbrauch fast nichts essen konnte, habe ich einfach funktioniert. Ich war frustriert, leer, erschöpft wie nie zuvor und ich fuhr trotzdem härter und immer härter. Musik war in meinem Kopf und als die Sonne über den Bergspitzen aufging, fuhr ich ins Licht hinein und weinte den ganzen Weg.

Ist das nun gute Werbung für diese Herausforderung über 100 Pässe? Ich weiß es nicht. Ganz sicher jedoch weiß ich, dass es meine Komfortzone regelrecht ausradiert hat. Ein Erlebnis, dass mich demütig macht.

Warum?

Das Ding war mit großem Abstand das härteste, was ich jemals gemacht habe. Gleichzeitig habe ich nie auf dem Rad ein größeres Gefühl von Belohnung erlebt. Früh raus und bis in die Nacht auf dem Sattel, wenig Schlaf, mein Körper in regelmäßiger Revolte, egal! Ich fand Freude an jedem einzelnen Tag.

Wir sahen jeden Tag die Sonne aufgehen. Wir sahen, wie das Licht sanft die Bergspitzen berührte, während wir uns bergauf quälten. Wir spürten das Gefühl der Sonne im Gesicht, wenn wir den ersten Pass erreichten. Wir erlebten, wie auf das Morgenlicht das harte, grelle Licht des Mittags folgte, wie sich dieses verwandelte, wenn es zurück Richtung Horizont fiel, gefolgt von fast elektrischen Farben und dann – mindestens dreimal – fuhren wir in der Dunkelheit weiter. Ich wusste bis dahin nicht, wie sehr ich es lieben würde, im Dunkeln zu fahren.

Ich habe das Gefühl geliebt, Teil einer großen Unternehmung zu sein, mit den Freunden zu fahren und zu lachen. Einer meiner schönsten Momente auf dieser Odyssee war der finale, dreißigminütige Anstieg zur französisch-spanischen Grenze. Meine Bluetooth-Spieler hämmerten Dance-Beats in diesen dunklen Tunnel hinein, das einzige Licht von meiner Stirnlampe, kein Mensch um mich herum.

Es gibt so viele Gründe, warum diese Herausforderung ein dummes Unterfangen ist, relevante, rationale Gründe. Doch ebenso gibt es Gründe, sich ihr zu stellen. Und es sind diese Gründe, die mich nachts nicht schlafen lassen. Der Traum vom nächsten Abenteuer. Die Chance, die eigenen Grenzen zu verschieben und vielleicht – nur vielleicht –, diesen Moment zu erleben, der sich nur dann einstellt, wenn ich vollständig am Ende bin, zusammengebrochen, allein – und ich trotzdem einfach weiterfahre, alles spüre, auf die beste Art.

Eine Bemerkung zur Gangwahl

Das war meine dritte Hundert-Pässe-Challenge. Die erste bin ich mit einem kleinsten Gang von 34-32 gefahren. Das war ok, aber ich wollte mehr. Beim zweiten Mal, ein Jahr später, wählte ich einen 34-36-Berggang. Das war gut, aber ich wollte mehr. In diesem Jahr und dank der Möglichkeiten, die ein AXS-Mullet-Bike mir eröffnet, fuhr ich 38-50. Auf dem Rennrad ist das für die meisten Straßen fast schon ein absurder Gang. Doch auf den kleinen, steilen Pisten, direkt Phils Geist entsprungen, Tag für Tag zehn Stunden und mehr im Sattel, ergibt eine 50 als kleinstes Ritzel auf einmal fürchterlich viel Sinn. Ich hätte mir nie träumen lassen, auf der Straße eine 10-50er-Kassette zu fahren. Aber jetzt, mit einhundert Stunden Erfahrung damit, habe ich erkannt, wie gut genau das funktioniert, besonders in den Bergen. Denn einen Großteil der Zeit bin ich dort weniger als 20 km/h gefahren. Wenn ich schneller fuhr, fuhr ich meistens bergab, was bedeutete, dass ich nicht wirklich pedalierte. Und außerdem: 38-10 ist nicht so schlecht zum Schnellfahren. Einmal mehr haben mich die hundert Pässe eines Besseren belehrt.